LG Krefeld: Nächste Callcenter-Betrügerbande zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt

Kommentar

In der Pressevorschau für Juni 2012 beschrieb das Landgericht Krefeld den angeklagten Sachverhalt wie folgt:

Sehr geehrte Damen und Herren,
noch für den 27.Juni 2012 um 13:00 Uhr hat die 2. große Strafkammer in Saal 167 den ersten Hauptverhandlungstermin in der Strafsache gegen Marcel D. und Andre H. als Mitglieder einer Bande wegen gewerbsmäßigen Betrugs anberaumt. Den beiden 25 und 43 Jahre alten Angeklagten wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, gemeinsam mit einem zwischenzeitlich verstorbenen Mittäter in Krefeld ein Callcenter betrieben zu haben. In diesem Callcenter seien sogenannte Callcenter-Agenten beschäftigt gewesen, die im Auftrag der Angeklagten eine Vielzahl von Personen in der Bundesrepublik angerufen und die Teilnahme an einem Gewinnspieleintragungsdienst angeboten haben sollen.

Der verstorbene Mittäter sei der Chef des Betriebes gewesen und habe die verwendeten Adressdatensätze beschafft und Verträge mit den Auftraggebern, den Anbietern solcher Gewinnspieleintragungsdienste, geschlossen. Der Angeklagte D. sei für das Einspielen der Kundendaten in die Computersysteme des Callcenters sowie weitere mit der Informationstechnologie des Vorhabens zusammenhängender Aufgaben zuständig gewesen. Der Angeklagte H. habe die Aufgabe eines Teamleiters in dem Callcenter gehabt, der die weiteren Mitarbeiter zu einer hohen Anruf- und Erfolgsquote habe motivieren sollen.

Der zwischenzeitlich verstorbene Mittäter habe Verträge für zwei Gewinnspieleintragungsdienste geschlossen. Deren Dienstleistung bestehe darin, dass die Kunden jeden Monat automatisch bei 200 Gewinnspielen eingetragen würden, die von diversen Firmen üblicherweise zu Werbezwecken veranstaltet würden. Aufgrund der hohen Zahl an Spielteilnahmen erhöhe sich die Gewinnchance für jeden einzelnen Kunden, der hierfür einen monatlichen Beitrag in Höhe von 49,90 € zu zahlen habe. Die von den Angeklagten betriebene Firma habe für jeden von ihr vermittelten Kunden eine Provision von 70 bis 90 Euro erhalten sollen, abhängig von dem Zahlungsverhalten des Geworbenen. Um eine möglichst hohe Anzahl von Kunden vermitteln zu können, sei von den Angeklagten die Methode des sogenannten „Negativverkaufs“ gewählt worden. Hierzu seien für die Callcenter-Agenten Gesprächsleitfäden verfasst worden, nach denen den angerufenen Personen der Eindruck vermittelt werden solle, dass diese bereits Kunden eines kostenpflichtigen Gewinnspieleintragungsdienstes seien. Ihnen solle dann weiter suggeriert werden, dass für sie die Gelegenheit bestehe, diese Teilnahme zu beenden, wofür jedoch Voraussetzung sei, dass zunächst drei weitere Monate gespielt werde. In der Zeit von Januar 2011 bis zum 08.11.2011 seien von der Firma der Angeklagten 20.912 vermeintlich geworbene Kunden gemeldet worden. Von den gemeldeten Personen seien etwa 1,5 Millionen Euro an die Gewinnspieleintragungsdienste gezahlt worden, die ihrerseits fast 700.000 Euro an Provision auf das Konto der Firma der Angeklagten überwiesen hätten.

Zwischenzeitlich berichtete insbesondere die Westdeutsche Zeitung äußerst ausführlich über den Fall, unter anderem hierhier, hier, hier, hier und hier.

Das Landgericht Krefeld verurteilte nunmehr den Angeklagten Andre H. zu drei und den Angeklagten Marcel D. zu 2 1/2 Jahren Haft ohne Bewährung. Zum Strafmaß schreibt die Westdeutschen Zeitung in ihrem Artikel: „“Systematisch abgezockt“: Callcenter-Betrüger müssen ins Gefängnis“:

Beide Angeklagte seien in der Callcenterbranche keine unbeschriebenen Blätter. „Wer sich länger in diesem Milieu aufhält, kennt solche Praktiken“, sagte der Richter. Die Leute seien systematisch abgezogen worden.

Gegen die Entscheidung kann noch ein Rechtsmittel eingelegt werden.


KommentarInteressant in diesem Zusammenhang erscheint mir, dass die vom verstorbenen Fadil K. genutzte Geschäftsbezeichnung „F-Two Marketing“ offenbar auch weiterhin geschäftlich im Zusammenhang mit Callcenterleistungen genutzt wird. In einer blumigen Selbstdarstellung werden – derzeit ohne rechtskonformes Impressum, insbesondere ohne Nennung der Person des Inhalteanbieters – unter der Geschäftsbezeichnung F-Two Marketing noch immer Callcenterleistungen und zwar wie folgt angepriesen:

„Durch unsere harmonische Arbeitsatmosphäre hat jeder unserer Call-Agenten/innen stets ein Lächeln in der Stimme, so dass jedes Telefonat mit einem positiven Gefühl in Erinnerung bleibt.“

Naja, ob da wohl die Angerufenen auch ausnahmslos lächeln? Domaininhaber ist jedenfalls ein Faris Kiskoski mit der Angabe der Organisation „F-Two Marketing“. Gegen diese Person wurden durch die Staatsanwaltschaft Krefeld kürzlich vorläufige Sicherungsmaßnahmen zur Verhinderung von Vermögensverschiebungen im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges erwirkt. Die diesbezügliche Veröffentlichung im Bundesanzeiger, über die hier erst gestern berichtet wurde, stammt vom 16.08.2012 und stellt einen Zusammenhang zu den berüchtigten Gewinnspieleintragungsdiensten Gewinnprofi bzw. Maxikombi24 und der DTD Dienstleistungs GmbH (Speyer) her, die aus der Firmengruppe der Planet49 GmbH (heute eGentic GmbH) aus Sulzbach (Taunus) gegründet wurde, wie diese hier selbst angeben.

Vom angegebenen Sitz der Unternehmung bis zum Landgericht Krefeld sind es übrigens nur 5 Minuten Fußweg. Das nenn ich doch mal vorausschauende Planung.