Verbraucher über den Tisch gezogen: So funktioniert die SMS-Chat-Abzocke

Kommentar

Nach den hier vorliegenden Informationen hält die Firma per Leitfaden ihre Mitarbeiter an, sich strikt an Gesprächsleitfäden zu halten und über dessen Inhalt striktes Stillschweigen zu bewahren. In einem als Grundleitfaden bezeichneten zugespielten Dokument heißt es unter anderem:

„Da Sie im direkten Kontakt zum Kunden stehen, also mit Selbigem einen Dialog führen werden, ist es wichtig zu
wissen, wie man dem Kunden am Besten eine Antwort entlockt.
Hierfür gibt es ein paar einfache Regeln:

(…)

Alle Wörter im Dialog werden klein geschrieben. So fallen unterschiedliche Schriftbilder unterschiedlicher Moderatoren weniger auf. Der Kunde merkt wenn ihm erst immer mit Großbuchstaben geschrieben wird und diese plötzlich klein werden.

(…)

Lassen Sie es nicht zu in Erklärungsnot zu kommen und fragen sie sehr früh im Gesprächsvertauf, woher der Kunde kommt. So können sie einen Ort ermitteln, der ca. 30-60 km vom Wohnort des Kunden entfernt ist. Fragt der Kunde sie zuerst, können sie nur durch Tricks ablenken wie z.B.: „Ich bin zur Zeit in Berlin auf einem Seminar und wo kommst Du her wenn ich fragen darf?“

(…)

Auch wenn ein Kunde sich von Ihnen verabschied~kann man mit Fragen wie zum Beispiel: „Wann kann ich denn wieder mit Dir rechnen?“, oder: „Um wie viel Uhr soll ich Dich morgen wach küssen?“, noch Reaktionen hervorrufen.Gelegentlich kommt es vor, dass Kunden sich in uns vertieben. Geben Sie ihm das Gefühl der Geborgenheit und befürworten sie seinen Standpunkt. Sie werden sehen, dass so lange Dialoge entstehen können.

(…)

Achten Sie in jedem Fall auf Tippfehler. Auch mit der Schreibhilfe T9 macht kein Handy aus einem „b“ ein „n“ oder ein ,,?“ wird zum „ß“. Geben Sie dem Kunden nicht die Chance zu realisieren, dass Sie an einem PC sitzen.

(…)

Verwenden Sie Konjunktive! (hätte, könnte, würde, wäre, etc.)

(…)

Es ist ratsam sehr früh ein hübsches Gesichtfoto zu ve.rsenden, da sie so meist für realer gehalten werden und die Kunden lieber „ein Gesicht vor Augen haben“.“

Als typische Gesprächsverläufe werden im Grundleitfaden weiterhin dargestellt:

„Kunde: DATE
Wir: hi! schön dass du dich bei mir meldest. bist du ein spontaner typ und hast auch lust auf ein treffen?
jasmin

(..)

Kunde: Können wir uns heute noch treffen?
Wir: bis wie viel uhr hast du denn zeit? sofort kann ich nämlim nicht aber das kannst du ja sicher verstehen, oder?
Kunde: So bis 8. ich will dich!
Wir: und hast du schon eine idee was wir dann machen würden? im kann es noch nicht verspred1en aber ich versuch es, ok?

(…)

Kunde: Hier meine Nummer: Oxxxxxxxxxx
Wir: die kam jetzt leider nicht mit an. hast du sie schon geschrieben oder wird die hier rausgenommen? was machen wir denn jetzt?
Kunde: Versuch mal deine in buchstaben zu senden.
Wir: schick mir mal lieber deine, okay? ist mir einfam lieber zum anfang. kann ich dann sofort noch anrufen?“

In einem weiteren Dokument mit der vielsagenden Bezeichnung „Nummernspiel“ heisst es:

„Hey jetzt weiß ich endlich wie du meine nummer erhalten kannst, sende einfach „nummer abrufen“ dann bekommst du sie

Dann sollte der Animateur/Moderator wie folgt vorgehen:

Kunde schreibt: nummer abrufen
MOD: Die erste Ziffer Ihres Kontaktes lautet NULL. Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Die nächste Ziffer Ihres Kontaktes lautet EINS. Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Die nächste Ziffer Ihres Kontaktes lautet SECHS. Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Die nächste Ziffer Ihres Kontaktes lautet NULL Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Die nächste Ziffer Ihres Kontaktes lautet NEUN Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Die nächste Ziffer Ihres Kontaktes lautet EINS Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Die nächste Ziffer Ihres Kontaktes lautet DREI Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Die nächste Ziffer Ihres Kontaktes lautet SIEBEN Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Die nächste Ziffer Ihres Kontaktes lautet FÜNF. Wenn sie diese notiert haben und fortfahren möchten bestätigen Sie mit OK
Kunde schreibt: OK
MOD: Ihr Chatpartner hat eine unvollständige Nummer hinterlegt, oder es ist ein Fehler aufgetreten,wir verbinden Sie nun wieder mit Ihrem Kontakt!

Ganz wichtig ist, dass das Wort „MOD“ nicht mit zu den Texten gehört. Es soll nur für die Animateure/Moderatoren als Leitfaden dienen. Falls der Kunde in die 30 Minuten Asa geht oder etwas anderes antwortet als „OK“ bevor der Animateur/Moderatoren die letzte Ziffer gesendet haben, wird folgende Nachricht geschickt:

MOD: Es tut uns leid, Ihre Eingabe konnte nicht zugeordnet werden. Bitte senden sie ZURÜCK um wieder mit Ihrem Kontakt zu schreiben

Wenn der Kunde hier kein „ZURÜCK“ schreibt, gehen wir einfach in den normalen Dialog über.Als Beispiel:

MOD: Ich hoffe doch mal, dass es mit der nummer geklappt hat oder?? 🙂 würde ja schon gerne wissen wie du dich anhörst.


KommentarEs ist kein Zufall, dass gerade diese Mehrwertdienste sehr häufig per unerwünschter Spam-SMS beworben werden: Es dürfte wenig „Kunden“ geben, die in Kenntnis der Tatsache, dass sie da kostenpflichtig mit einem Profi vor einem Computer SMS austauschen, freiwillig an dem Chat teilnehmen. Häufig wird bereits in der ersten „Aufreißer“-SMS sowohl die Identität des Sendenden, als auch die Kostenpflichtigkeit des SMS-Gesprächs verschleiert. Die Chatfirmen leugnen natürlich später regelmäßig, dass sie etwas mit der Tarn-Werbung zu tun haben und verweisen gegebenenfalls auf Unterauftragnehmer mit Sitz in der Karibik.

Hat ein Gesprächspartner erst einmal angebissen, wird gezielt versucht, beim Kunden den Eindruck, es handele sich um eine reale partnersuchende Person, durch Täuschungen zu erzeugen bzw. zu festigen. Zweck ist es, die Tarnung der eigenen Mitarbeiter als angeblich partnersuchende Privatpersonen nicht auffliegen zu lassen und aus den Opfern das Optimum an Gewinn durch eine möglichst hohe Zahl an versendeten kostenpflichtigen SMS zu erzielen. Die Profi-Chatter geben sich danach weisungsgemäß als Person des Geschlechts aus, das für den Gesprächspartner als am attraktivsten vermutet wird. Um zu mehr SMS-Versendungen durch den Gesprächspartner zu kommen, wird gelogen was das Zeug hält und es werden technische Pannen vorgetäuscht („Kunde: Hier meine Nummer: Oxxxxxxxxxx Wir: die kam jetzt leider nicht mit an. hast du sie schon geschrieben oder wird die hier rausgenommen?„, „hr Chatpartner hat eine unvollständige Nummer hinterlegt, oder es ist ein Fehler aufgetreten,
wir verbinden Sie nun wieder mit Ihrem Kontakt!
„).

Die Tarnung eines derartigen SMS-Chats unter Teilnahme von Profi-Chattern als Privatchat ist nicht nur rechtswidrig. Die Vornahme derartiger Täuschungshandlungen zur Erhöhung des SMS-Aufkommens dürfte auch glatt als Betrug strafbar sein. Jeder Mitarbeiter, der die vorgeschlagenen Täuschungshandlungen vornimmt und eventuell noch besonders kreativ bei der Erfindung weiterer Tricks ist, um den Kunden zur Sendung von mehr kostenpflichtigen SMS zu bewegen, setzt sich erheblicher Gefahr der Strafverfolgung aus. Die Tatsache, dass über den Inhalt der Gesprächsleitfäden in der Regel vertraglich Stillschweigen verienbart ist, schützt die Handelnden nicht, jedenfalls nicht auf Dauer. Im Gegenteil: Die Strafverfolgungsbehörden werden in der Regel gerade aus den für den handlenden Profi-Chatter erkennbaren Geheimhaltungbestrebungen des Chatunternehmens den Schluss ziehen, dass sich die Mitarbeiter der Illegalität durchaus bewußt waren oder dass sie sich hätten zumindest diesbezüglich informieren müssen. In der Regel führt das zum sogenannten bedingten Vorsatz und damit in den Bereich der Betrugsstrafbarkeit.

Zudem liegen mir gerade aus dieser Branche etliche Meldungen von Profi-Chattern vor, die von ihren Auftraggebern letztlich nicht bezahlt wurden und dann auch vor Gericht und der Polizei auspacken, so dass ganze Netze auffliegen.

Für mich stellt sich die Frage: Wie lange können die Verantwortlichen noch Russisch Roulette spielen und wann beschäftigen sich die Staatsanwaltschaften ernsthaft mit diesem Treiben?


Sie sind Empfänger unerbetener SMS-Nachrichten und möchten die lästigen Nachrichten dauerhaft abstellen? Sie fühlen sich als Teilnehmer von SMS-Chats abgezockt und möchten wissen, was zu tun ist? Sie sind Mitarbeiter eines SMS-Chat-Unternehmens und haben Zweifel an der Rechtmäßigkeit dessen, was Ihr Arbeit- bzw. Auftraggeber von Ihnen verlangt?

Lassen Sie sich durch einen in der Materie erfahrenen Rechtsanwalt beraten!

Die Kanzlei Richter Berlin steht Ihnen in dieser Angelegenheit unter der Rufnummer 030-47475582 gern zur Verfügung.