Abgründe aus der Welt eines Verbraucherforums

richter-stefan-kommentar

Im Unterforum „Planschbecken“ finden sich nur einige wenige der tatsächlich eingegangenen Anfragen seltsamer Natur. Schön wäre es, wenn es alles Scherzbolde wären, die die Geduld der Betreiber auf die Probe stellen wollen, jedoch spricht die Regelmäßigkeit und die bloße Anzahl der eingehenden absurden Anfragen klar dagegen. Bei den veröffentlichten Beiträgen handelt es sich – ich weiß als Mitbetreiber recht genau, was jeden Tag bei Antispam e. V. an Anfragen eingeht – lediglich um die Spitze des Eisbergs.

Meist erkennen die Anfragenden nicht einmal, dass es sich bei den Betreibern um einen Verbraucherschutzverein handelt, in dessen Forum sich Menschen über die Machenschaften von Gaunern austauschen. Rehelmäßig werden die Betreiber mit Kündigungen, Widerrufen, Beschwerden, Beschimpfungen und Beledigungen bombardiert. So schreibt beispielsweise ein User:

Unter der NR:6729 wird mir ständig eine Dienstmitteilung zugeschickt mit der Ankündigung auf Abruf von Klingeltönen!!
Da ich aber keine bestellt habe und auch kein Abo bei Ihnen habe bitte ich Sie das zu unterlassen!!! Mir wurde auch Ihr Dienst in Rechnung gestellt obwohl dazu keine Veranlassung bestand.Ich erwarte dazu Ihre Antwort
mfG XXXX

Völlig die Lage verkannte auch der Schreiber, welcher diese Anfrage verfasste:

Meine Damen und Herrn,
es ist besser wenn sie Ihre Schreiben nicht mehr Schicken,weil ab Heute von meinen Arbeitgebern die Briefzustellungen Beobachtet werden,bis wir den Briefzusteller durch die Post Erwischen.Dann werdet ihr für Eure Schweinereien Bezahlen ihr Aschlöcher.

 

Immer wieder ein Knaller sind auch an Antispam e. V. gerichtete Spamnachrichten wie diese hier:

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir finanzieren und konfigurieren Pensionen für Asset Backed Securities über deutsche Assekuranzen ab Mio. € 200. Bei grundsätzlichem Interesse stellen wir unser System gern persönlich in Ihrem Hause vor.
Mit freundlichem Gruß
ACR Finance Broker, Inc.
XXXXX

Auch Spammer bzw. ihre Helfershelfer verirren sich absurderweise zu uns und benötigen offenbar unsere Hilfe:

Sehr geehrte Damen und Herren,
für eine Mailing-Aktion unseres Kunden benötigen wir eine komplette Adresssammlung, da der Kunde es bisher versäumt hat, sich eine eigene Kundendatei anzulegen.
Anbei finden Sie eine Zielgruppen-Studie die für unseren Kunden erhoben wurde. Können Sie mir auf dieser Basis die nötigen Adressen erarbeiten, die wir für unsere Mailing-Aktion benötigen? Bitte lassen Sie mir vorab ein schriftliches Angebot zukommen.
Sollten Sie dazu Fragen haben bin ich gerne für Sie da.
Mit freundlichen Grüßen
Mario B.
S. Werbeagentur GmbH
(…) Karlsruhe

Falls sich jemand fragt, ob es noch Leute gibt, die auf die windigen Versprechen von Spammern hereinfallen – es sind wahrscheinlich viele Zehntausende. Etliche melden sich täglich bei Antispam e. V. mit Nachrichten wie dieser:

laut schreiben vom 13.03.2006 habe ich 2.35.00 euro gewonnen . wann wird mir das geld zugeschickt oder ist es eine finde .anruf war am 13.03.2006 um 11 uhr um den gewinn anzufortern.bitte schnell um nachricht .
XXXX

 

Aber auch, wenn erkannt wurde, dass man den Versprechen keinen Glauben schenken kann, ist noch nicht alles gewonnen. Kündigungen und Widerrufe stapeln sich mittlerweile bei Antispam; eine extrem hohe Zahl an Usern sind sich entweder nicht bewußt, an wen sie schreiben oder wissen nicht, dass derartige Erklärungen dem jeweiligen Vertragspartner gegenüber erklärt werden muss:

Knr.: 00000
Ich kündige mit sofortiger Wirkung meine Teilnahme an der Lottogemeinschaft und bitte um schriftliche Bestätigung meiner Kündigung.
Mit freundlichen Grüßen
XXXXX
EDV Erstellung

Einer meiner persönlichen Favoriten ist die Anfrage des Nutzers, der sich ein Happy End zum Vorteilspreis wünscht:

Hiermit bestelle ich 1xHappy End zum Preis von € 15,95 ./. 5% Rabatt
Mein Vorteilscode A147412 auf Rechnung
Adresse: XXXXX

Fall jemand die Vorstellung hegt, es läge an der Einrichtung des Forums oder Hochschulbildung schütze vor derartigen Eskapaden, dem sei diese desillusionierende Kontaktformular-Nachricht ans Herz gelegt:

Antispam e.V. Kontaktformular – Abmahnung
Erstellt: XXXXX
Hallo,

die folgende Nachricht wurde Ihnen über das Kontaktformular des Forums Antispam e.V. von
Rechtsanwältin XXXXX geschickt.
——————————–
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich nehme Bezug auf Ihr Schreiben vom 22.04.2008 und weise lediglich darauf hin, dass im Wiederholungsfalle umgehend die Wettebewerbszentrale gegen unlauteren Wettbewerb wegen einer kostnepflichtigen Abmahnung eingeschaltet werden wird.
Hochachtungsvoll
Rechtsanwältin
——————————–

Wie kommt diese Rechtsanwältin auf diese absurde Idee? So wie alle anderen Spassvögel auch. Auf die Stellungnahme von Antispam …

Sehr geehrte Frau XXXXX,
schön, dass Sie unser Kontaktformuar gefunden haben.
Was an dem rot unterlegten Satz in fetter Schrift über unserem Kontaktformuar nicht zu verstehen ist, erschließt sich mir nicht ganz. (Dort steht: Hinweis: mit diesem Formular nehmen Sie Kontakt zum Antispam e.V. auf.)
Da Sie ihn aber anscheinend nicht gelesen haben, hier eine kurze Erklärung, wem Sie da ihre „nette“ Mail geschrieben haben:
Wir sind der gemeinnützige Verbraucherschutzverein Antispam e.V.
Insofern frage ich mich, wie Sie dazu kommen, einem gemeinnützigen Verein eine Mail mit der Androhung einer kostenpflichtigen Abmahnung wegen eines Wettbewerbsverstoßes zu schicken. Zumal sich der Zugang einer E-Mail ja bekannterweise nicht beweisen lässt.
Ihre Mail empfinden wir als absolute Frechheit und wir bitten hiermit um eine Erklärung Ihrerseits.
Mit freundlichen Grüßen,

Ihr Antispam e.V.
XXXXXX

… kam eine reichlich kleinlaute Antwort:

Sehr geehrter Frau XXXXX,
wir haben unaufgeforderte Werbung erhalten, weswegen wir auf eine Kontaktmöglichkeit gesucht haben. Die betreffende Firma heißt Boesche Direct. Nun sind wir per GoogleSuche auf ihre homepgae gestoßen, wobei ich fälschlicherweise annahm, dies sei die Homepage der genannten Firma. Bitte entschuldigen Sie dieses Versehen, Sie sind offensichtlich der falsche Adressat, wir können Ihre Verärgerung absolut nachempfinden.
Insofern können Sie natürlich davon ausgehen, dass die Abmahnungsandrohung Sie nicht betrifft. Entschuldigen Sie nochmals diesen Faux-Pas.
Mit freundlichen Grüßen
XXXXX
Rechtsanwalt

Oder am 31.10.2008 Nachricht eines Fritz M.:

"MOECHTE ENDLICH DIESE VERLOGENEN WEIBER AUS DEM INTERNET UND VOM HANDY
> FUER EWIG VERBANNEN FRITZ"

Auch schön:

Ja Hallo hier mit ich erkäre euch ihr sollte ihr finger weg lassen von
> mein konto will kein abo und kein gewin, und wenn was abgebucht wird von
> mein konto dann seit ihr tot ich weiss wo ihr seit, das würde eine
> gossen kataklisme & scandal geben,ich lasse mich nicht verachen von euch

 


richter-stefan-kommentarMancher mag über diese Sammlung schmunzeln und tatsächlich kann man sich kaum einer gewissen Komik der einen oder anderen Nachricht entziehen. Allerdings zeigt diese Veröffentlichung nicht nur das unglaubliche Ausmaß an Arbeit, das ehrenamtliche Helfer täglich uneigennützig verrichten, um anderen zu helfen, sich aus der Schlinge der Gauner zu befreien. Es deutet vielmehr auch darauf hin, dass es offenbar ein erschreckendes Ausmaß an Geschäftsunerfahrenheit, insbesondere im Umgang mit den Neuen Medien bis hin zu ausgewachsenem Analphabetentum in unserem Lande gibt, das ich mir bislang schlicht nicht vorstellen konnte. Wenn – wie erst kürzlich – gar ein Betreuer, d. h. eine amtlich mit der Hilfestellung für andere Personen betraute Person sich beim Forum von Antispam meldet, um Vertragsangelegenheiten seines Schützlings zu klären, dann packt mich einfach nur noch das Grausen. Von der Kollegin mit dem locker sitzenden Abmahnungs-Colt ganz zu schweigen.

Vielleicht sollte im Justizministerium endlich ernsthaft daran gegangen werden, das Schutzniveau für Verbraucher generell zu erhöhen und endlich Abschied vom wohlklingenden, aber in der Praxis vollkommen gescheiterten Leitbild des mündigen Verbrauchers zu nehmen. Niemand will Bevormundung. Aber nicht erst seit die Bildungsmisere in unserem Lande für jeden unübersehbar geworden ist, belegen Studien, dass der durchschnittliche Verbraucher der Maschinerie von Industrie, Handel und Werbung hoffnungslos unterlegen ist. Die breite Masse hat enorme Schwierigkeiten, die Fallen in zwar oft rechtswidrigen, aber gerade noch nicht strafbaren Vertragsangeboten (insbesondere auf Abzockerseiten) zu erkennen und entsprechend umsichtig zu handeln. Eine nicht unerhebliche und scheinbar wachsende Schicht ist darüber hinaus schlicht vollkommen unfähig, sich der gesetzgeberisch vorgesehenen Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen (Kündigung, Widerruf, Anfechtung etc.) zu bedienen und lässt sich von Taschenspielertricks gnadenlos über den Tisch ziehen.

Jeder lacht über die viel kolportierten Warnhinweise, dass Microwellen nicht zum Trocknen von Haustieren geeignet seien und über die Klage gegen McDonalds wegen des zu heißen Kaffebechers. Vielen würde jedoch das Lachen im Halse stecken bleiben, sähe er, welches Elend sich in so mancher Verbraucherberatung auftut. Vielleicht hat man aber in Amerika einfach ein wenig früher erkannt, dass es so falsch nicht sein kann, sich bei der Installation von Verbraucherschutzsystemen am schwächsten Glied der Kette zu orientieren. Dass es dabei abstruse Auswüchse gibt, sollte nicht als Totschlagargument mißbraucht werden. Es waren in der Geschichte nämlich immer wieder die vermeintlich Schwächsten, die irgendwann mal den Knüppel in die Hand nahmen und die scheinbar wohletablierten Systeme zum Einsturz brachten. Dessen sollte sich bewußt sein, wer – das Konto wohlgefüllt und seine Kinder in der Privatschule wohlumsorgt wissend – das wohlfeile Lied vom mündigen Bürger anstimmt. Vielleicht diskutiert man sonst bald nicht mehr über Unterschichten, sondern wieder über Klassen.