Warum gibt es Spam?

Man mag sich fragen, wer sich die ganze Mühe macht, immer und immer wieder neue Spam-Mails zu produzieren und in die ganze Welt zu schicken. Vor allem fragen mich immer wieder Menwschen, warum Spammer solche Werbung verschicken, obwohl sie langsam wissen müßten, dass man dort nicht kauft und wer eigentlich so blöd ist, bei diesen Spammern zu kaufen. Die einzig sinnvolle Antwort ist einfach: Es ist völlig egal, wer das ist und wie klug oder dumm diese Leute sind. Fakt ist, dass Spam funktioniert und dass damit Geld verdient wird, weil es Menschen gibt, die in irgendeiner Form genau das tun, was der Absender dieser Werbung bezweckt. Dies kann der Kauf eines Produktes unmittelbar vom Spammer sein, muss es aber nicht. In jedem Falle führt aber – egal wie gut der Spammer sich tarnt – die Beantwortung der Frage, welches Interesse der Spammer haben kann, letztlich immer unmittelbar zu dessen Person. Dies alles aus zwei einfachen Gründen:

Spam kostet zwar Geld, bringt aber noch mehr davon ein

Auf eine interesante Untersuchung zu diesem Thema verweist der Jounalist Thomas Hammer auf Zeit Online in seinem Artikel „Spam Dich reich“ vom 21.09.2006. Demnach haben Untersuchungen amerikanischer und britischer Wissenschaftler gezeigt, dass Spam-E-Mails, in denen zum Kauf von bestimmten Wertpapieren aufgefordert wird, tatsächlich unmittelbaren Einfluß auf deren Kursebtwicklung und Umsatz haben. So war zu beobachten, dass das beworbene Wertpapier am Tag des E-Mail-Versands das meistgehandelte Wertpapier seines Segments war und statistisch ca. fünf bis sechs Prozent im Kurs anzog. An den beiden Folgetagen allerdings fielen die Kurse statistisch regelmäßig um etwa acht Prozent. Wer hier gekauft hat, hat sein Geld also den E-Mail-Versendern hinterhergeworfen, die sich natürlich stets bereits vor dem Kursanstieg eindecken, dann spammen und das Wertpapier in die steigenden Kurse hinein abverkaufen.

Weitere – besonders dreiste – Werbemaschen sind beispielsweise Lockanrufe zur Bewerbung von Mehrwertdiensterufnummern und Werbung für den Abruf von Informationen per Faxabruf. In letzteren Fällen sind meist die Minutentarife sehr hoch, die übersandten Informationen wertlos und die Faxabrufgeschwindigkeit gedrosselt, so dass die Rechnung horrend hoch ausfällt. Doch auch eine „normale“ Produktwerbung per Spam ist in der Masse äußerst lästig. Es gibt mittlerweile eine ganze Vielzahl von oft weltweit agierenden Direktmarketingfirmen, die Adressen sammeln und handeln, Werbung unerbeten versenden und Call-Center betreiben, welche in der Verschleierung ihrer Identität und der Überrumpelung des Anrufers zum Vertragsschluß hervorragend psychologisch geschult sind. Immer mehr der zunächst rechtstreuen Konkurrenten sehen sich durch diese Firmen unter heftigen Wettbewerbsdruck gesetzt und machen ebenfalls von diesen unzulässigen Werbemitteln Gebrauch, um konkurrenzfähig zu bleiben. Sie müssen bereits erhebliche Kosten aufwenden, um allein den Erstkontakt zu neuen Kunden mittels zulässiger passiver, nicht aufgedrängter oder doch zumindest weitaus weniger belästigender Werbung auf dem Postweg oder beispielsweise durch Plakatwerbung herzustellen. Unzulässig Werbende haben demgegenüber ungleich geringere Kosten zu tragen, denn elektronische Direktwerbung kostet den Absender nur ein Bruchteil der Kosten einer Kontaktaufnahme per Werbeplakat, Massenmedien, Werbebrief oder Hausbesuch. Obendrein ist der durch unzulässige Direktansprache hergestellte Kontakt ein besonders wertvoller Kundenkontakt, weil er den Werbeadressat regelmäßig in seiner Privatsphäre antrifft, ihn zwingt, sich mit der Werbebotschaft unmittelbar auseinanderzusetzen und oftmals schon allein deshalb zu Vertragsabschlüssen führt, weil der Werbeadressat den hartnäckigen Werber schnell loswerden will.

All dies führt dazu, dass Spam derzeit immer weiter an Boden gewinnt. Die bisherigen Methoden zur Spambekämpfung reichen offenbar nicht aus. In den USA hat selbst die Einführung von Straftatbeständen noch nicht zu einer nachhaltigen Eindämmung des Phänomens geführt. In einigen Staaten, wie der Bundesrepublik, ist Spam – zumindest bislang – noch nicht einmal ordnungswidrig, geschweige denn strafbar und der Gesetzgeber macht – unter dem unverhohlenen Applaus der Lobbyistenverbände der Marketingfirmen – auch überhaupt keine ernsthaften Anstalten, dies zu ändern. So wie es Steuer- und Sozialdumping in Europa und weltweit gibt, versuchen offenbar auch auf diesem Gebiet einige EU-Mitgliedsstaaten die schwarzen Schafe der Werbebranchezu schonen, weil ihnen die E-Mail-, SMS-Versand- und Callcenterbuden stets und ständig die Schaffung neuer Arbeitsplätze versprechen. So ist denn auch Spam ein Kind der Globalisierung.

Zudem hat die defacto-Zulassung ausländischer „Wegwerf“-Gesellschaften im deutschen Wettbewerbsraum, insbesondere der Limited Companies (abgekürzt: Ltd.) in den letzten Jahren offenbar zu einer erheblichen Verrohung der Wettbewerbssitten in Deutschland geführt. Nach Presseberichten sitzen oft an einer einzigen Postfachadresse mehrere tausend – faktisch oft auch von Deutschland aus geführte – Limiteds. Grund für die Wahl dieser Gesellschaftsform sind oft weniger vermeintliche Steuer- und Bürokratie-Vorteile in England, als der erhoffte Schutz vor persönlicher Haftung wegen rechtswidriger Geschäftspraktiken und der gläubigerschutzfeindliche, „wegwerf-freundliche“ Preis, d. h. die geringe Haftungseinlage. So verwundert es denn auch nicht, dass in meinen Ermittlungen die Spur der Absender unerwünschter Werbung oft zunächst über eine englische Limited und/oder eine englische Telefonnummer zurück nach Deutschland führt. Nun zog Deutschland mit seiner „UG (haftungsbeschränkt)“ nach und der Spammer freut sich, wenn auch oft zu früh. Tatsächlich schützt nämlich der Firmenmantel den spamtreibenden Geschäftsführer in der Regel nicht.