26.
2008

Telefonmarketing konsequent - besser gleich zum Profi!

Hits smaller text tool iconmedium text tool iconlarger text tool icon
In den Grazer Haftanstalten Karlau und Jakomini arbeiten verurteilte Betrüger und Hochstapler mit Unterstützung des österreichischen Justizministeriums als Callcenteragenten und perfektionieren unter den Augen des Staates genau die Fähigkeiten, deretwegen sie einsitzen.

Dies berichtete jedenfalls kürzlich die Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung und sie zitiert Christian Sikora, den Personalvertreter der Justizbediensteten der Haftanstalt Karlau, mit den Worten, die Häftlinge würden "dazu verleitet, in etwa dasselbe zu tun, wofür sie eingesperrt wurden", nämlich am Rande des betrügerischen Millieus zu agieren. So müssten sie sich unter anderem wahrheitswidrig als deutsche Staatsbürger und ebenso unzutreffend als Mitarbeiter der deutschen bzw. österreichischen Telekom ausgeben. Auftraggeber des dubiosen Treibens sei eine deutsche Billig-Telefonfirma. Die Anstaltsleitung sieht keinen Handlungsbedarf: Sie sieht einen "qualifizierten Tätigkeitsbereich" für die Häftlinge eröffnet; das Handeln sei legal. Die Anrufe stellten eine Art Beratungsgespräch an. Stießen die Telefonagenten auf willige Ansprechpartner, so würden die Daten der Kunden an die auftraggebende Telefonfirma weitergereicht. Alle Gespräche würden zudem überwacht und aufgezeichnet.

Quelle: Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 19.03.2008

Weiterführende Links: Artikel "Karlau und Jakomini" vom 18.03.2008 bei orf.at


KommentarMan fasst es einfach nicht. Den Unsinn, den man sonst nur von Spammern hört, gibts nunmehr auch aus staatlichem Munde. "Beratungsgespräch" - was für eine Knalltüte in der Anstaltsleitung hat sich denn das wieder ausgedacht? Vielleicht hätte man vorher besser mal bei erfahrenen Spammern nachgefragt - denen fallen wenigstens ab und zu mal gute Ausreden ein. Ob es wohl die 40.000 Euro Reingewinn sind, welche beispielsweise in der Haftanstalt Karlau jedes Jahr in die Taschen Kassen der Justiz fließen, die die Hirne der Verantwortlichen so vernebeln?

Selbstverständlich ist Kaltaquise nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich illegal. Es muss wohl erst soweit kommen, dass der Staat selbst als Mitstörer gerichtlich auf Unterlassung und Schadensersatz in Haftung genommen wird. Da ich mich zudem nicht erinnern kann, dass ich jemals im Rahmen einer telefonischen Kaltaquise von einem Anrufer nach meiner Zustimmung zur Aufzeichnung von Telefonaten gefragt wurde, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass sich die Telefonagenten und die Verantwortlichen der deutschen Billigtelefonfirma auch noch im Hinblick auf heimliche Telefonats-Mitschnitte wegen Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes bzw. der Anstiftung hierzu strafbar machen, § 201 StGB. Dies gilt jedenfalls dann, wenn nach Deutschland hin angerufen wird. Dass sich Justizbehörden tatsächlich nicht entblöden, das skandalöse Geschehen auch noch zu rechtfertigen, müsste in einem funktionierenden Rechtsstaat eigentlich zum unverzüglichen Rücktritt des verantwortlichen Ministers führen. Tja, müsste ...

Wenn man aber der Ansicht ist, dass Bemühungen des Staates um Wiedereingliederung der Häftlinge in ein straffreies Leben von vornherein vollkommen aussichtlos sind, dann allerdings ist der Schritt wiederum recht konsequent: Die beste Voraussetzung für eine Anstellung im Outbound-Callcenter ist nunmal eine ausgeprägte Abwesenheit von Ehrlichkeit, Gewissen und Schamgefühl. Unter diesen Vorzeichen lässt sich doch im Knast die Ausbildung für spätere Leben immer noch a bisserl perfektionieren, oder?!

Weitere Vorschläge? Knast-Ausbildung für Einbrecher zum Schlüsseldienstler? Schreien


Diesen Artikel auf Ihrer Seite zitieren

Um einen Zitat-Link dieses Artikels zu erzeugen,
bitte nachfolgenden Text in Ihre Seite kopieren.




Preview :


Powered by QuoteThis © 2008

Verwandte Artikel:

Kommentar hinzufügen

Ihr Name:
Kommentar:
  Sicherheitscode zur Prüfung. Nur Kleinschreibung. Keine Leerzeichen.
Sicherheitscode-Prüfung:
  • 0
  • 1
prev
next

Stadt Heidenheim: Ist da überhaupt noch wer?

In Heidenheim hat man offenbar gemeinhin viel Spass bei der Arbeit. Mehr ...

Mittwoch, 2. Juni 2010

Lobbyismus: Auf ein Wort, Herr Pharmareferent ...

Ein großartiges Stück Realsatire lieferte kürzlich Ex-Titanic-Chef und heute-Show-Autor Martin Sonneborn in der ZDF-Sendung heute-Show, auf die der Kollege Markus Kompa in seinem lesenswerten Blog hinweist. Mehr ...

Freitag, 21. Mai 2010

Wikileaks: Video mit mutmaßlichem Kriegsverbrechen geleakt

Es ist ein Dokument eines unfassbaren Vorgangs. Sollte sich das Video als echt erweisen, dürfte es ein politisches Erdbeben auslösen. Das Massaker von My Lai während des Vietnamkrieges, die Foltervorfälle im Gefängnis von Abu Ghraib, die nie aufgefundenen Massenvernichtungswaffen im Irak  - erneut steht die US-Armee vor einem moralischen Scherbenhaufen.... Mehr ...

Montag, 5. April 2010

Absurditäten in einer (noch immer) geteilten Stadt

Die Lage des Haupteinganges des früheren Arbeitsplatzes kann für die Höhe des Arbeitslosengeldes relevant sein, so das Berliner Sozialgericht in einem Urteil, das wohl in die deutsche Rechtsgeschichte eingehen wird. Mehr ...

Donnerstag, 25. März 2010

Ermittlungen nach Gewinnspielbetrug: Deutschlands gerissenste Ermittler treten gegen das Gewinnspielkartell an

Falls noch jemand glaubt, die Gewinnspielmafia sei unbehelligt von Polizei und Staatsanwaltschaft, darf sich eines Besseren belehren lassen. Deutschlands intellektuelle Glanzlichter sind den Gaunern dicht auf den Fersen, wie man jetzt beim gemeinnützigen Verbraucherschutzverein Antispam e. V. weiß.... Mehr ...

Dienstag, 9. Februar 2010

Georg Schramm zur Causa Brender: Alles was dazu mal gesagt werden musste

Georg Schramm, Deutschlands wohl derzeit bester aktiver Kabarettist, servierte neulich wieder mal was ganz besonders Schwerverdauliches zum 25-jährigen 3Sat-Jubiläum zum Thema Brender. Einigen Gästen blieb ganz offensichtlich so manches Lachen im Halse stecken. Mehr ...

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Du heilige Einfalt! - OStAin zu Abofallen

Manchen Juristen sagt man ja manchmal etwas Lebensferne nach. Mal mit mehr, mal mit weniger Berechtigung. Den Vogel wurde aber in einem Interview von Oberstaatsanwältin Hildegard Becker-Toussaint mit dem ct-Magazin auf ct-tv Ende 2007 abgeschossen. Mehr ...

Dienstag, 1. Dezember 2009

DIREKTexpress Holding AG: Spam und Doppelmoral

Das Ulmer Logistikunternehmen DIREKTexpress Holding AG hatte dieser Tage besondere Unterhaltung zu bieten. Mehr ...

Sonntag, 24. Mai 2009

Auskunftsersuchen und T-Mobile-Reaktionen

Von dem Rosa Riesen und seiner hässlichen Tochter ist man ja allerlei gewohnt: Desorganisiert, planlos, gern auch mal selbst spammend. Mehr ...

Mittwoch, 22. April 2009

Lidl: Ein offenes Ohr für alle und alles

... Mehr ...

Dienstag, 7. April 2009

Lastschriften: Wo Ihre Bank besonders genau hinschaut

Ein Rechtsanwaltskollege aus Karlsruhe berichtete mir kürzlich Erstaunliches darüber, wie außerordentlich sorgfältig seine Hausbank im Umgang mit Lastschriften agierte. Mehr ...

Montag, 23. Februar 2009

Rabiat-Inkasso

Zu drastischen Inkasso-Methoden griff nach einer Meldung der Berliner Morgenpost vom 25.09.2008 ein Zahnarzt aus Neu-Ulm. Mehr ...

Donnerstag, 25. September 2008

Telefonmarketing konsequent - besser gleich zum Profi!

In den Grazer Haftanstalten Karlau und Jakomini arbeiten verurteilte Betrüger und Hochstapler mit Unterstützung des österreichischen Justizministeriums als Callcenteragenten und perfektionieren unter den Augen des Staates genau die Fähigkeiten, deretwegen sie einsitzen. Mehr ...

Mittwoch, 26. März 2008

Abgründe aus der Welt eines Verbraucherforums

Der Verein Antispam e. V. veröffentlichte kürzlich - anonymisiert - eine Auswahl der kuriosesten Anfragen, die über das Kontaktformular von www.antispam.de eingingen. Heraus kam eine Art grausiges "Best of Ticketsystem". Mehr ...

Dienstag, 25. März 2008